DAS ARCHIV DES STIRNHIRNHINTERZIMMERS

"Mir ist egal, was morgen in der Presse steht. Hauptsache, sie konfiszieren die verdammte
Rote Mappe. Sonst können Sie sich morgen ihre Entlassungsurkunde abholen ..."
 

 Zensor Wunibald Hartstroem während der Einsatzbesprechung

Archiv 2009

 

13. Mai: Schantalle

Das Thema war höchstpersönlich anwesend und feierte seinen Quizgewinn mit leidgeprüfter Miene. Ohne Herrn von Aster, dafür mit dem extra aus Köln eingeladenen Gast Sakura Ilgert, die einen Romanauszug aus ihrem Märchen Der Prinz von Atlantis mitgebracht hatte, in dem ein Mann im Computer verschwindet und dort sein weibliches Alter Ego trifft. Des weiteren verwirrte ein Chantalle-Graffito den jungen Single-Fotografen Helmut Stuhler (Koch), während ein Leidensgenosse seine Sünden in der gefürchteten Schandhalle beichten soll (Hoffmann).
Es folgten die Pause, frische Luft fürs HinterZimmer und neuer Elan für den zweiten Teil des Abends. Darin wurde in frankensteinesker Manier geschüttelt, nicht gerührt (Ilgert), zwei hehre Ritter und Drachenjäger wurden mit Piraten verwechselt (Koch) und eine unsichtbare Kampfmaschine bekam ihren letzten Auftrag (Hoffmann).
Damit endete der Abend ebenso düster wie das Berliner Wetter und die ökonomiscen Aussichten. Mal sehen, welche heissen Stunden der Juni mit sich bringt.

8. April: Fünf - Die Jubiläumslesung

Feste muss man feiern, wie sie fallen. Zum Fünfjährigen also versammelte sich die gesammelte Mannschaft - Hoffmann, Koch, von Aster, Günni und Bernd (der unter einer Bodenklappe lebendenen Nemesis aller Lesebühnen - im HinterZimmer der Z-Bar, und ein bunter Reigen an Geschichten wurde dem Publikum präsentiert. Da ließen sich die drei Autoren in einer Jubiläumsgeschichte klonen (Hoffmann), da wurde endlich das Geheimnis um die geplante Verfilmung des StirnhirnhinterZimmers gelüftet (v. Aster), da wurde ein armer Tropf vor seinem achtzehnjährigen Geburtstag von seiner Freundin verlassen (Koch), und Bernd brütete im Kabuff vor sich hin (Günni Steinmeyer). Außerdem wurden Gratulationsschreiben aus höchster Feder verlesen ...
Nach der Pause: Ein kurzer Ausflug in die Magentahölle der Telekom (v. Aster), die traurige Geschichte des hässlichsten Mädchens der Welt (Hoffmann), fünf apokalyptische Reiter beim Hürdensprung (Koch), die Verballhornung chinesischer Legendenkunst (v. Aster), und eine Geschichte um Manfred, der diesmal sein Büro für einen heuschnupfkranken Kollegen räumen muss (Hoffmann).
Zwischendurch wurde ein fröhliches Quiz gespielt, in dem das HinterZimmer-Fachwissen des Publikums ausgiebig getestet wurde. Die Resonanz war enorm, die präzisen und umfassenden Antworten überschlugen sich förmlich (vor allem auf der rechten Seite des Raums). Nach hartem Kampf konnte sich schliesslich ein Gast an der Quiztrommel durchsetzen und damit höchstselbst zum nächsten Thema werden ... der mit allen Stirnhirnwassers gewaschene SCHANTALLE.

11. März: Prosecco im Nachthemd

Ein unvergesslicher Abend im Stirnhirnhinterzimmer zu Berlin. Von der ersten Minute an war das sinnlich gestimmte Publikum nur allzu bereit, sich auf die kontrovers-erotische Thematik PROSECCO IM NACHTHEMD einzulassen, die von drei Koriphäen der Proseccolyrik zum Vortrag gebracht wurde. Boris Koch, Christian von Aster und Johannes F. Kretschmann in Vertretung des abwesenden Markolf Hoffmann, der an besagtem Abend anderweitige Verpflichtungen im Nachthemd hatte.
Nachdem Herr von Aster eine Geschichte über Alkoholschmuggel mit Hilfe humanitärer Kleiderlieferungen ins Ohr goss, ließ Herr Kretschmann eine einsame Science-Fiction-Tristesse ins Glas perlen. Hernach füllte Herr Koch das Publikum mit suizidalen untervögelten Elfen ab, so dass im zweiten Teil kaum mehr zu tun blieb, als Herrn Kretschmann noch einmal lesen zu lassen, noch zwei weitere Astersche Teufel durchs Glas zu treiben und den kochschen Hauszombie Ewald nebst einer Skorpionfrau in zart durchscheinende Nachtgewänder zu hüllen, damit das überproportioniert angeheiterte Publikum sinnlich berauscht heimwanken konnte.

11. Februar: Hinter der Grenze

Hinter die Grenze begab sich Christian von Aster, genauer gesagt: hinter die Schweizer Grenze. Als adäquater Ersatz wurde wieder einmal der literarische Grenzsoldat Georg Kammerer eingeladen, der auch die erste Patroullie übernahm. Er näherte sich der Figur Günther Wallraff in Form zynischer Politprosa ... und bereitete damit den Boden für Markolf Hoffmanns erste und vermutlich auch letzte Orkgeschichte Grenzland, in der ein königlicher Szepterreiter nach den Spuren der Stinker sucht. Boris Koch wiederum berichtete von einer Jugend in einem bayrischen Dorf, das in zwei Hälften geteilt ist. Berliner Mauer goes Bavaria.
Nach der Pause folgte dann der Stellungswechsel: Ein Brief aus der Schweiz enthüllt die Wahrheit aller helvetischer Klischees (v. Aster, gelesen von Boris Koch), ein Dauerstudent beendet sein sinnloses Leben in der Inzesthölle Kreuzberg (Kammerer), der freundliche Manfred vom Rosenthaler Platz wird von Bionade-Spießern aus seiner Klause vertrieben (Hoffmann), und ein notgeiler Gartenzwerg besteigt den Teddybär einer jungen Soziologiestudentin (Koch). Last not least: eine lyrische Umsetzung des Andersen-Märchens Des Kaisers neue Kleider durch Grenzensaboteur Kammerer.
Damit waren dann auch wirklich alle Grenzen des guten Geschmacks überschritten, und das Publikum in die kalte Berliner Nacht entlassen. Wohl bekomm's!

14. Januar: Finanzkrisenmonopoly

Gehen Sie ins HinterZimmer und ziehen Sie nicht 4000 Euro ein. Dies taten (wenn auch nur symbolisch) die Herren Koch, von Aster und Hoffmann und boten Brettspielliteratur vom Feinsten ... an einem kahlen, seines Tuchs beraubten Lesetisch, der in seiner Nacktheit die Finanzkrise treffend symbolisierte. Und schon ging es LOS: Ein Herr wurde von lebensgroßen Würfeln bedroht und wähnte sich in einem Spiel (Koch), ein junger Immobilienmakler spielte Metropoly mit dem gefürchteten Besenfegermann (Hoffmann), und in einer Radiotalkshow wurde einem satanischen Krapfen gehuldigt (v. Aster), was zwar mit Finanzkrisenmonopoly nur am Rande zu tun hatte, dafür aber Kochs geheimes Talent für Jingle-Imitationen offenlegte. Zudem erwachte der Wolf im Manne, mit allen autosexuellen Folgen, die man sich nur denken kann (natürlich ebenfalls: Koch).
Nach der Pause wurde die schwere Hypothek, die auf diesem Abend lag, um zwei Texte unterschiedlicher Länge aufgestockt. Hoffmann gab sich bescheiden mit einer kurzen Geschichte um Manfred, der unter einem goldenen Gullydeckel auf dem Rosenthaler Platz haust und für Tauben wenig übrig hat. Und von Aster, episch wie immer, spürte in einem Integrationskindergarten die Brut auf, die mit ganz spezieller Mittagskost versorgt wird.
Ein verspielter und finanzkrisengeplagter Abend, der als gutes Omen für das Jahr 2010 gelten darf: Und wenn die ganze Welt bankrott erklärt, das HinterZimmer hält seine Pforten offen.