GÜNNIS REDE ZUM 50. JUBILÄUM
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Kurze Ansprache anlässlich des 50. StirnHirnHinterZimmers, nicht gehalten am
09.04.2009.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,
nach
langer Pause möchte ich heute wieder einmal das Wort ergreifen. Zugleich
kommt mir die Abwesenheit des heute leider verhinderten Guido KNOPP überaus
gelegen.
Der offizielle Biograph des StirnHirnHinterZimmers neigt nämlich allzusehr
zur Geschichtsklitterung, es gilt aber heute die wahre Geschichte der
phantastischen, wenn nicht phantastischsten Lesebühne Berlins zu erzählen.
Was sich heute keiner mehr vorstellen mag und kann: auch in der Z-BAR gab es
eine Zeit ohne Lesebühne!
Vor fünfzig Monaten hatten all die Szene-Läden um uns herum, wie Kaffee
Burger, Zosch und Schokoladen schon lange ihre regelmässigen Leseshows. Das
Z stand da regelrecht nackt da, ein unhaltbarer Zustand. Leider entpuppten
sich aber sämtliche Mitarbeiter und Freunde des Hauses zwar als liebenswerte
Cineasten, allerdings hatte es keiner so richtig mit Lesen und Schreiben.
Woher also die Autoren nehmen?
Woran sich heute auch kaum noch jemand erinnert, gab es lange vor Formaten
des Privatfernsehens wie 'Bauer sucht Frau' und 'Frauentausch' eine mässig
erfolgreiche Show names 'Autorentausch' ...Ich meldete die Z-BAR an.
An einem Donnerstag im Jahre 2005 trafen also die 3 jungen Austauschautoren
im Hinterzimmer der Z-BAR ein. Schon der erste Abend war ein Riesenerfolg!
Goetz, Kaminer und Kehlmann lasen vor ausverkauftem Haus und mit solcher
Inbrunst, dass sich die anderen Bühnen warm anziehen konnten.
Den Rest des Abends verbrachte ich selig lächelnd mit Geld zählen.
Meine Zukunft schien gesichert
Doch schon bei dem nächsten geplanten Termin braute sich Unheil zusammen.
Die Redaktion von 'Autorentausch' war mir auf die Schliche gekommen. Ich
hatte Ihnen nämlich mitnichten etablierte Lesebühnenautoren zum Tausch
gegeben... es waren eher zufällig ausgewählte, nicht mehr ganz nüchterne
Stammgäste vom Tresen der Z-Bar gewesen. Alle mit einem dicken Deckel
belastet. Kurz vor der Abwrackprämie. Mir mächtig was schuldig.
Wer hätte gedacht, dass ihr unzusammenhängendes Gefasel auf den anderern
Bühnen nicht als 1A Slampoetry durchging?! Waren da etwa wider Erwarten doch
noch Zuhörer unter den Zuhörern, die auch zuhörten??
Was für eine grausame Vorstellung!
Es kam wie es kommen musste: mir wurden Goetz, Kaminer und Kehlmann wieder
weggenommen. Ich wehrte mich mit Händen und Füssen, doch die
durchtrainierten Jungs der Waldorfsecurity waren einfach stärker.
War der Traum vorbei, die Blase geplatzt?
Ich war in Not.
Die Lesebühne StirnHirnHinterZimmer in der Z-BAR war ja überall schon
beworben und angekündigt, vor allem im Internet. Und wenn da erstmal
drinstehst, kommst du auch nicht mehr raus!
Ich brauchte dringend neue Autoren:
Klonen schien die einfachste Lösung, aber teuer. Ausserdem hatte mir die
Waldorfsecurity mein Geld abgenommen.
Die drei Stammgäste, die sich wieder am Tresen auf Pump besoffen, zu echten
Autoren aufpimpen? Unmöglich!
Blieb nur Abwerben und feindliche Übernahme:
Zuerst heftete ich mich an Koch:
Boris führte ein recht unbefriedigendes Dasein als verkanntes Genie auf der
Reservebank der Reformbühne Heim und Welt. Aufgrund seines Geburtsfehlers
der westdeutschen Herkunft kam er dort so gut wie nie zum Einsatz. Als ich
ihm von einer Lesebühne erzählte, die ausschliesslich Fussballgeschichten
vorträgt, schlug er begeistert ein. Er war der erste, der den Knebelvertrag
mit seinem schwarzen Tintenblut unterschrieb.
Hoffmann sollte das nächste Opfer sein:
Markolf konnte ich aus den Klauen von Britta Gansebohms Literarischen Salon
entreissen, wo er gezwungen wurde, Prosa für verlasssene Frauen in der
Midlife Crisis zu schreiben. Ihn überredete ich mit der Aussicht auf echte
Männerthemen, vorgetragen vor richtigen Kerlen in einem nach Männerschweiss
riechenden dunklen Hinterzimmer.
Fehlte noch einer:
Von Aster war auf der Flucht. Er hatte auf einem Dark Wave Treffen in
Leipzig einen lebensfrohen Text vorgetragen und wurde jetzt von sämtlichen
Goths Mitteldeutschland verfolgt.
Ich bot ihm Asyl im Hinterzimmer der Lebensfreude an, wenn er gelegentlich
kurze Texte vorträgt. Er durfte sein kleines Schwarze anbehalten.
Kaum hatte ich die drei endlich beisammen, warf ich sie in das
Hinterzimmerverlies und hole sie seitdem einmal im Monat heraus.
Mittlerweile haben sie sich prächtig entwickelt.
Sie sind die Perlen der Bergstrasse.
Andere Bühnen schauen voller Neid auf uns.
Ihnen und Ihrem, dem phantastischen wenn nicht phantastischsten Publikum
Berlins, gebührt ewiger Dank
Und auf Anfragen von 'Autorentausch' schicke ich immer wieder gerne ....