DAS ARCHIV DES
STIRNHIRNHINTERZIMMERS
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"Und wie soll
ich das bitte beim Finanzamt angeben?."
Malermeister P. Schmuttke vor den Renovierungsarbeiten eines
Stirnhirnhinterzimmers

Foto: Nadja Ritter
11.
Dezember: Leise rieselt der Schnee
Die
Adventszeit verpflichtet freilich auch das StirnhirnhinterZimmer, sich milde zu
geben. Koch, Hoffmann und von Aster luden also zur beschaulichen
Weihnachtslesung in die Z-Bar, und mit herzerwärmenden Âdventiuren wurden die
Lamettarezeptoren der Zuhörer zum Klingen gebracht. Ob nun die erbauliche
Geschichte um das tanzwütige Gemüse Brocc (v. Aster), der in nekrophiler
Liebe zu vertrocketen Tannenbäumen entbrennt; ob nun die Mär um ein
unmenschliches Waisenhaus, auf dessen Dach es niemals schneit (Koch) und
in dem drei Waisenjungen einen prominenten Mord aufklären; ob die
Leidensgeschichte des Gnomenheilands Sternenfaust, der in der grausamen
Weihnachtsbäckerei HASS Zimtsterne ausstechen muß (Hoffmann); ob ein
Flaschengeist mit Alkoholproblemen (v. Aster) - der
Glühweinfaktor in dieser ersten Hälfte der Lesung war hoch.
Nach der Pause: ein gewisser Hauszombie namens Ewald gab sich
weihnachtlich (Koch); Schnee rieselte leise in den absonderlichen Gedanken eines
Frauenmörders (Hoffmann), eine orientalische Schönheit verfällt den Ketten eines
Meisterdiebs (v. Aster), und Guffin der Kleine sticht bei
einem Zauberduell seine Konkurrenten aus - durch liebenswerte Unfähigkeit
(ebenfalls v. Aster). Desweiteren gab Koch einen Drachenmythos aus seinem
jünst erschienenen Roman "Der Drachenflüsterer" zum Besten, und Günni
Steinmeyer präsentierte einen lehrreichen Kurzfilm über die Jagd und
Zähmung wilder Weihnachtsmänner.
Fürwahr, nach der Langen Nacht des StirnhirnhinterZimmers ein ruhiger, fast
besinnlicher Abend, der das Stirnhirnjahr 2008 in Würde beschloß. Kalte
Höhlenuntaten erfolgen erst wieder im Januar.
27.
November: Die Lange Nacht des StirnhirnhinterZimmers
Lange war sie angekündigt, nun endlich zeitigte sie sich zum Ende des Jahres: Die Lange Nacht des StirnhirnhinterZimmers. Drei Gastgeber. Acht Autoren. Ein Günni. Ein DJ. Ein Buffet.
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Und das alles in sage und schreibe fünf Blöcken, durchgehend von 20 Uhr bis 1 Uhr nachts. Die Stirnhirnbesatzung lieferte ein Best Of aus dreieinhalb Jahren Stirnhirnkultur.
Auch die Gäste ließen sich nicht lumpen:
Simon
Weinert präsentierte mit seiner Frau Damaris die Saga vom Ritter Kriegbart und
variierte das Thema Bodycount vs. Einhornherpes, Kathleen Weise trug
eine wintergrimme SF-Dystopie vor; Tobias O. Meißner ließ einen
Werweihnachtsbaum auf das Publikum los; Johannes F. Kretschmann
enthüllte, warum er sich so kraftlos fühlt, und sorgte mit schwäbischer Lyrik
für rote Ohren.
Um Punkt 0:00 Uhr dann (naja, nicht ganz) das
Grande Finale mit Günni
Steinmeyer und einer Berichterstattung über Die Lange Nacht des
StirnhirnhinterZimmers an der Siegessäule, vorgetragen von Koch,
Hoffmann, von Aster und Steinmeyer.
Was für ein Abend! Was für eine Nacht!
DJ Planlos untermalte sie mit
schrägen Weisen, und er sorgte auch dafür, daß es nach dem Grande Finale noch
hoch her ging im HinterZimmer. Ihm und allen Gästen, vor allem aber dem treuen
Stirnhirnpublikum, gilt unser Dank.
Das neue Stirnhirnjahr kann kommen.
13.
November: Abzählreimkanone
Endlich!
Die erste grosse Lyriksitzung im Stirnhirnhinterzimmer ... auch wenn das
Publikum nach zögerlicher Befragung zugab, dieser Gattung eher selten zu frönen.
Ein einziger Zuhörer gab öffentlich zu, in den letzten zwölf Jahren einen
Lyrikband erworben zu haben. Macht nichts - die drei Stirnhirnpoeten lieferten
Abzählreime en gros und frei Haus. Von Aster bediente sich dabei dem
klassischen Kanon und gab höchst aktuelle Gedichte von Tucholsky, Mühsam
und von Chamisso zum Besten - und ließ den Nachtmahr aus eigener
Feder auf einen Träumer los. Koch feuerte eine Breitseite aus seiner
Abzählreimkanone, die von pubertiertenden Aliens auf der Erde
vergessen worden war. Und Hoffmann trug die im Knittelreim verfasste Ballade der
Goldenen Schale vor, eine wilde Dreiecksgeschichte um einen bösen Schmied,
eine schöne Gräfin und einen diebischen Wandersburschen.
Nach der Pause gab es erstmal einen politischen Abzählreim mit den drei
Akten Kreuzberg-Gorleben-Wallstreet (Hoffmann), danach allerlei
Ungereimtheiten: ein schweinisches Epos um den gefallenen Engel Lilith in
Strapsen und Lederfummel (Koch ... wer sonst?), und ein Haufen unwirscher Zwerge
auf der Jagd nach einem abartigen Artefakt, bzw. einem flinken Insekt (v.
Aster).
Erst dann wurde der Abend abgezählt - und der Countdown für
DIE LANGE NACHT DES STIRNHIRNHINTERZIMMERS
am 27. November läuft ...
10.
Oktober: Brüllbauchling
Ein
kontroverses Thema, das in seiner Brisanz selbst die Akteure abschzurecken
schien. Während Markolf Hoffmann vor dem Thema bis nach Island floh, gelang es
Boris Koch, sich durch eine superbe Siechtumsimulation vom Austragungsort
fernzuhalten.
Als Christian von Aster realisierte, dass er mit den gefährlichen Kreaturen
alleingelassen wurde, blieb nur eine Hoffnung: Berlins einziger lebender
Boris-Koch-und-Markolf-Hoffmann-Impersonator Simon Weinert. Bereits
mehrfach im Hinterzimmer gewesen, erklärte sich das Zugpferd der neuen
dadaistischen Literatur Berlins bereit, den Brüllbauchlingen entgegenzutreten.
Im ersten Teil offerierte Boris Koch zunächst aus den Abgründen der Pestilenz
eine Kurze fiebrige Skizze über den Brüllbauchling in der er, bereits vom
Fieber gezeichnet, dem Jenseitszoologen Dr. Jimmy Eck auf seinen Expeditionen
begleitet. Danach las Simon Weinert als Boris Koch für Markolf Hoffmann
Safari, eine hemingwayeske Großwildbrüllbauchlinggeschichte, bevor Christian
von Aster sich kopfüber in sein neues Buch Das Abartige Artefakt stürzte,
in dem Brüllbauchlinge als zwergische Alarmanlage fungieren.
Nach Abvesperung der Brüllbauchlinge begann Herr Weinert den zweiten Teil mit
Ball, Schläger und Arm, einem kryptischen Kleinod zwischen Papptellern und
Tennisarmen. Herr von Aster behandelte Das zweite Leben Obersturmbannführer
Kerners, eine horrible Reinkarnationsminiatur, auf die Herr Weinert mit
einer amourösen Beipackzettelpoesie namens Halbherzig antwortete. Von
Aster beehrte noch den zwergischen Auftragsmörder Eisengilb, und Weinert
beendet gekonnt mit konkreter Poesie.
Die Brüllbauchlinge sind überstanden.
11.
September: Plüschtierembargo
Streng
verboten waren knuddlige Plüschtiere jeglicher Art. Deshalb mußte auch Boris
Koch zuhause bleiben. Zwar sendete der flauschige Koch ein paar kryptische
SMS live in die Z-Bar, ansonsten aber hatten seine Kollegen den
Plüschtierabend zu zweit zu gestalten. Der mitbebrachte Flauschhund mit
Regenschirm und Schiffermütze verweigerte zwar den Dienst am Publikum, nicht
aber die mehr als skurrilen Antworten auf das nach dem Lex Ziegenmeyer verhängten
Embargo.
Hoffmann entführte das Publikm in einer weiteren absurden Dystopie ins
kleinundzwanzigste Jahrhundert, wo die Kinder herrschen und ihre eigene,
gemeine Überwachungsdiktatur à la Logans Run aufbauen - ohne Großen
Bruder, aber mit vielen kleinen. Von Aster stellte gleich mehrere
Kinderschicksale in den Mittelpunkt, die durch Plüschtiere maßgeblich
beeinflußt wurden. Hernach wurde es lyrisch: der alte Herzog Siebenland
träumte gar wunderliche Dinge (Hoffmann), und ein Hexenmeister erschaffte sich
seinen eigenen Homunculus (v. Aster).
Nach der Pause wurde dank moderner Technik endlich der Regenschirmhund
getriggert. Auch sonst blieb es futuristisch. Von Aster berichtete
von dem Fund außerirdischer Artefakte und einer Sternenflotte mit
überraschender Form; Hoffmann schickte hingegen ein kleines Wasserstoffatom
namens KERN auf die Reise durch diverse Universen. Und dann waren da noch Malte
und Thorben, die von der Leinwand aus als Waldorf-Türsteher diversen
Clubbesuchern antroposophische
Abfuhren erteilten (v. Aster).
Fürwahr, ein großer Spaß in Plüsch und Flaum. Und das alles ohne Knopf im Ohr!
14.
August: Nahrungsmittelzusatzstoffe
Das kulinarische Motiv zieht sich ja seit jeher durch unsere Lesereihe und wird
zumeist von Günni durch die Bereitstellung süßer Spezereien am Eingang
unterstützt. Auf Gästewunsch hin wurde es nun einer generellen Prüfung
unterzogen. Mit dabei: der Schinkelstedter Lebensmittelprüfer André
Ziegenmeyer, der extra mit seinem Prüfkoffer angereist war, um den
entzusatzstofflichten Herrn von Aster zu ersetzen.
Die Ingredienzen des Abends: zunächst ein dystopischer Alptraum aus der
Feder von Markolf Hoffmann, der von der blutigen Herrschaft des Kochs
kündete (unter Mithilfe desselben). Der Text stellte unter anderem infrage, ob die
dauerhafte Ernährung mit Hirse der geistigen Gesundheit förderlich und wie
effektiv eine Mischwaffe aus Kochlöffel, Elektrotaser und Morgenstern bei der
Austandsbekämpfung ist. Hernach las Märchenonkel André Ziegenmeyer die unfaßbare
Legende des Kürbiskönigs vor, in der in einem osteuropäischen Land
Oasen der Erleichterung erbaut werden und ein cucurbiophiler Monarch seinem
Volk das Wildpinkeln untersagt ... bis er durch eine Theateraufführung
biblischen Ausmaßes dem Druck nachgibt. Im wahrsten Sinn des Wortes.
Nach der Pinkelpause verlas Boris Koch eine Email des geflohenen Kollegen v.
Aster vor, abgesetzt aus einem kaukasischen Internetcafé, in dem er offenbar
mit einer batterielosen Fernbedienung herumlümmelte. Hoffmann
schilderte die gänzlich unphantastische Flucht eines Frischverlassenen
in die Metropole London. Und André Ziegenmeyer präsentierte handeverlesene
Passagen aus seinem Roman "Schatten über Schinkelstedt",
liebevoll ausstaffiert mit Utensilien aus dem erwähnten Prüfkoffer: Ein
kleines Provinzkaff mit großem Herz für den Fremdenverkehr, eine aus
jahrhundertelangem Tiefschlaf erwachende Hexe, ein liebestoller Rocker und ein
größenwahnsinniger Kardinal feierten in dieser Märchenposse ihren Einstand.
Am Ende schien das Festmahl der skurrilen Literatur den
Zuhörern gemundet zu haben. Über etwaige Zusatzstoffe wollten die
drei Autoren allerdings keine Auskunft geben.
10.
Juli: Tempelhof Terror
Ein unbestreitbar heißes Thema
servierten die Stirnhirnköche im Monat Juli. Burn, Burn, Tempelhof, Burn,
lautete der Schlachtruf rund um das gescheiterte Volksbegehren zur Erhaltung des
Flughafens Tempelhof. Das Publikum, bitter gespalten in Befürworter und
Ablehner, wurde Zeuge der Auf- und Abarbeitung des Luftbrückentraumas, das nun unter
Mithilfe des Stirnhirn-Terrorbläsers Johannes F. Kretschmann bewältigt
wurde.
Nachdem
Günni Steinmeyer ein paar aufschlußreiche musikalische Internetfundstücke
auf Leinwand präsentiert hatte, konnte es also losgehen, zunächst mit der
szenischen Lesung Tempelhof Terror von M. Hoffmann, die von allen
Anwesenden gemeinsam bestritten wurde - eine irrwitzige Luftbrücken-Talkshow
rund um die fiktive Künstlergruppe Flame Art. Anschließend projizierte
Kretschmann erotische Zukunftsängste auf das brachliegende Flughafengelände,
welches vom wiedererstandenen Templerorden übernommen wird.
Und v. Aster zeigte die großen Chancen der Flughafenschließung auf - ein idealer
Spielplatz für weggesperrte Neonazis, die hier ihr ureigenes Großgöring
aufziehen können, ohne ihre Mitmenschen zu belästigen.
Nach
einem kurzen, zehnminütigen Zwischenhalt an der Theke der Z-Bar ging es dann
weiter: Boris Koch nutzte den Tempelhof-Hype zu einer absurden Terroreske, in
der sich nationale Symbole selbständig machen und die Rosinenbomber ihre
süße Last zielsicher auf Berlin niederregnen lassen. Hoffmann las eine
ökologisch angehauchte Fantasygeschichte um einen Dämonenjäger,
Kretschmann ein Liebesgedicht in schwäbischer Zunge.
Und v. Aster beschloß den Abend mit einer Passage aus seinem Roman Zwerg und
Überzwerg (worin ein Tor durchquert wird) sowie einigen Zeilen des großen
Cyrano de Bergerac (worin ein Tor über die Kunst sinniert). Damit wurde dem
literarischen Terror Genüge getan, und die Gäste konnten zufrieden den letzten
Flieger nach Hause nehmen ... ab Schönefeld, versteht sich.
12.
Juni: Irgendwo
König
Fußball regierte wieder einmal die Straßen Berlins. So war auch unklar, wo genau
diese Lesung stattfinden würde (und wann, da Markolf Hoffmann mit arger
Verspätung in der Z-Bar eintraf). Aber letzen Endes wurde es doch eine feine
Lesung in gewohnter Kulisse, mit tatkräftiger Unterstützung des
Einwechselspielers Simon Weinert, der kurzfristig für Christian v. Aster
einsprang.
Er präsentierte denn auch einen durchaus gewagten Denkanstoß zum Thema
Nationalismus in Zeiten der Europameisterschaft, wo einige doch recht
unbedarft ihr schwarz-rot-goldenes (oder rot-schwarz-goldenes) Fähnchen
schwenken. Hoffmann gab sich märchenhaft mit der Moritat aus dem
Lande Irgendwo, dessen Bewohnern so ziemlich allem gleichgültig
gegenüberstehen - auch einem Helden namens Irgendwer. Und Koch sandte erneut die
Stirnhirnpiraten auf die Weltmeere, auf Suche nach dem verschollenen
Christian v. Aster. Und dann war da noch Günnis köstlicher Text über ein Multikulti-Raumschiff,
dem das Stille Örtchen versagt.
Nach der Pause: eine Reminiszenz an Hans Christian Anderssen, nämlich die
Geschichte vom Mädchen mit den Streichölzern, erzählt von einem der
letztgenannten (v. Aster, verlesen von Koch). Weinert zeigte wieder
sein Talent für gagaistische Lyrik, ganz unter dem Stern der Liebeswirren
(darunter: Annettes Tränengießen, ein Sommernachtstraum und eine kurze
Romeo-und-Julia-Adaption). Und Hoffmann las aus seinem Roman Splitternest
die verschiedenen Fassungen einer Legende, nämlich jener vom Eisriesen Suul.
Die Gäste, die sich irgendwo im HinterZimmer niedergelassen hatten, wirkten auf
jeden Fall versöhnt, obwohl das Versprechen einer fußballfreien Lesung nur
teilweise eingelöst werden konnte.
8.
Mai: Rechtsdrehend
Es sollte
also politisch werden an diesem symbolträchtigen 8. Mai. Statt vor dem
schwierigen Thema zu kapitulieren, stellten sich die drei
Stirnhirnautoren ihm mit eleganter Pirouette. Ein Rauscheengel drehte
halbbeflügelt seine Loopings durch die Lyrik (Hoffmann); die rechtslastige
Wagner-Walküre erfuhr eine bäuerliche Umsetzung (v. Aster), und ein
seltsames Haus wechselte rechtsdrehend seinen Ort und diente als Prolog zu -
Nichts! (Koch)
Anschliessend wurde kräftig geschummelt: statt rechts- wurde nun linksherum
gedreht. Etwa in der Geschichte Roter Morgen, wo eine Gruppe junger
Rotgardisten während der chinesischen Kulturrevolution auf einen uralten Magier
trifft (Hoffmann), in den Chatroomprotokollen eines blutigen Fights unter
den sogenannten Anderen (Koch), in der nicht ganz ernsten Auseinandersetzung mit
dem Phänomen der Jugendgewalt (v. Aster) und in der wohl ersten
Gothic-Pfadfindergruppe des Landes, die sich mit einem Flyer ganz locker dem
Nachwuchs vorstellt (v. Aster). So hingedreht war der Abend dann doch äußerst
gelungen - rechts, links und wieder zurück zum allgefälligen Stirnhirnchaos ...
10.
April: Holz ist ...
Selber
schuld, wenn man seine Gäste das Thema der nächsten Lesung bestimmen lässt.
Georg Kammerer auf jeden Fall bescherte dem StirnhirnhinterZimmer die
kryptischen Worte Holz ist ..., das wir getrost in die Kategorie
"Problematisch" zurechnen müssen. Christian von Aster flüchtete wohlweislich in
die Toskana und überließ somit einem weiteren Gast das Feld: Michael
Thumstädter. Der lieferte pflichtbewußt eine impressionistische
Definition des Wortes Holz und bereitete semantisch die weiteren Texte des
Abends vor. Boris Koch zerhackte seinen Beitrag wie einen Holzscheit in zwei
Teile. Dem Dialog zwischen einem Stirnhirnhinterzimmerautor und einem
Stirnhirngast, die sich eingedenk der Problematik von "Holz ist ..." an
das ambivalenziöse Horrormärchen vom Holzmichel machen, folgte der
Vortrag eben dieses Märchens. Dazwischen: Hoffmann mit einer Groteske
vom italienischen Schreiner, der seine sprechende Holzpuppe auf dem Wertstoffhof
Berlin-Tempelhof entsorgen will. Streng nach Vorschrift, natürlich.
Nach mannigfaltiger Carlo-Collodi-Reminiszenz erholte sich das Publikum in der
Pause. Anschliessend wurde es düster: in einem tschechischen
Sägewerk geschehen schreckliche Dinge (Hoffmann), und die Gesellschaft zeigt
ihr wahres Antlitz, als sich ein außerirdisches Objekt der Erde nähert
(Thumstädter). Anti-SF vom Feinsten! Somit kam das Publikum in den Genuss
feingeschnitzter Textminiaturen, die den problematischen Literaturwerkstoff Holz
gut zur Geltung brachen.
Daß allerdings im Monat Mai mit Rechtsgedreht schon wieder ein
problematisches Thema auf dem Programm steht, war so nicht beabsichtigt. Selber
schuld, wenn man seine Gäste das Thema der kommenden Lesung bestimmen lässt ...
13.
März: Drei Enten - Das Jubiläum
Alles war
so schön geplant: der Entenmarsch durch die Bergstrasse, die grosse
Tick-Trick-und-Track-Hymne, Christian von Aster mit Federboa, Markolf
Hoffmann am Flügel und Boris Koch mit umgehängter Schnabeltasse ... doch leider
wurde Koch ausgerechnet vom Jubiläum von höheren Enten abberufen. Als Gast
sprang der stirnhirnerprobte Georg Kammerer mit ein und füllte die Lücke
nicht nur würdig, sondern auch musikalisch.
Zunächst aber lasen v. Aster, Kammerer und Hoffmann den sinnfreien Jubiläumstext
Drei Enten, konsequent im Entenhausener Stil. Hemmungsloser Quatsch.
Hoffmann ließ dann in seiner Brust ein Entenherz schlagen, Kammerer
schickte einen sprachverwirrten Meisterkoch auf Entenjagd, und von Aster
betrieb Wagnerexegese - mit Enten! Und dann war da noch der Brief des
fehlenden Jubilanten Koch, der sich in der Fremde den Kopf von einer
Geheimorganisation ausbrüten ließ ... kongenial vorgetragen von Georg Kammerer.
Jubilesk wurde es auch im zweiten Teil der Entenlesung. Kammerer gab einen
seiner neuen Songs mit Gitarre zum Besten; eine Wagneraufführung im
Knast mündet in einen massiven Gefängnisausbruch (v. Aster); ein
Tierkrimi mit Schafen setzte nochmals animalische Akzente (Hoffmann); und
der Hüter des Frühlings ging auf seine furchtbare Suche (Kammerer). Somit
ein rundum ent-zückender Abend, dessen Motto längst zum geflügelten Wort im
StirnhirnhinterZimmer avanciert ist.
14.
Februar: Sonderangebot
Schnäppchenstimmung im StirnhirnhinterZimmer: zum ermäßigten Eintrittspreis und
in aufgepeitschter Winterschlußverkaufstimmung stürmten die Besucher die
hinteren Räume der Z-Bar, um die literarische Auslegewage zu begutachten. Im
Angebot: die skurrile Zeitreise eines Kaffeekränzchens (v. Aster),
demokratische Wahlen als Schleuderware und Politicum (Hoffmann), die
Einführung des Kapitalbuddhimus, der endlich Transparenz nach dem Ableben
schafft (Koch), sowie Gott beim Klingelputzen und Wachturm verticken (v.
Aster). Und das alles so schrecklich billig!(1)
In der zweiten Phase des Schlußverkaufs: ein Haufen wehrhafter Trolle
zeigt menschlichen Bergleuten, wo der Hammer hängt (v. Aster); der Herzog zu
Braunschweig und Lüneburg will vor Wolfenbüttels Toren einen Garten der Sinne
errichten (Hoffmann), eine tote Katze mag sich nicht von ihrer Besitzerin
trennen (Koch), und im Leichenhaus kommt es zu einer wüsten Keilerei zwischen
den Toten (v. Aster).
Tolldreiste Geschichten zu fairen Preisen, Wahnsinnsangebote, die sich keiner
entgehen lassen darf!(1)
(1) Alle vorgetragenen Texte der
Veranstaltung vom 14.2.2008 sind vom Umtausch ausgeschlossen.
10.
Januar: Bodycount
Das Stirnhirnjahr 2008 begann mit einem knallharten Thema, ganz im Sinn der
Law-and-Order-Debatten des hessischen Wahlkampfs. Und so wurden denn auch nach
hessischer Zählart Leichen verbucht und der Punktestand der drei
Stirnhirnautoren in die Höhe getrieben.
Gewertet
wurden unter anderem die Opfer eines Familiendramas in der Moritat vom
schaurigen und traurigen Ende der Familie Bengt (Hoffmann), zahlreiche
Wimpelträger eines schlagwütigen Ritters, die sich im Geiste St. Hooligans
für die Ehre ihres Idols prügeln (v. Aster), mehrere Palastwachen, die den
Liebeskranken Herrn Bodycount am Klau einer Rose hindern
wollen (Koch), und die Belegschaft der Kaffeeröstfirma Duschedo-Häusermann,
als der jähzornige Opa Weißhaupt ihr einen Besuch abstattet (Hoffmann).
Der Blutzoll war zur Pause hin beträchtlich.
Aber auch danach wurden noch mehrere Leichen gezählt bzw. Bodies gecountet.
Koch entwickelte die Vision vom zukünftigen Beruf des Kriegsleichenzählers.
Hoffmann berichtete vom Niedergang der planetaren Kolonie vom Karmesin,
die nach elf Jahren - und etlichen Opfern - endlich wieder von der Erde
versorgt wird. Von Aster, der sich zunächst mit der Mär von einer
literarischen Karawane handzahm gegeben hatte, bombte sich dann kurz
vor Schluß mit
unlauteren Mitteln auf den ersten Platz - mit einer blutigen
Al'Quaidijade. Nach hessischer Zählart nur bedingt zulässig, aber
was soll's. Der Endstand: v. Aster - 4938, Koch - 61, Hoffmann - 52.