DAS ARCHIV DES STIRNHIRNHINTERZIMMERS

"Und wie soll ich das bitte beim Finanzamt angeben?." 
Malermeister P. Schmuttke vor den Renovierungsarbeiten eines Stirnhirnhinterzimmers


Foto: Nadja Ritter

11. Dezember: Leise rieselt der Schnee

Die Adventszeit verpflichtet freilich auch das StirnhirnhinterZimmer, sich milde zu geben. Koch, Hoffmann und von Aster luden also zur beschaulichen Weihnachtslesung in die Z-Bar, und mit herzerwärmenden Âdventiuren wurden die Lamettarezeptoren der Zuhörer zum Klingen gebracht. Ob nun die erbauliche Geschichte um das tanzwütige Gemüse Brocc (v. Aster), der in nekrophiler Liebe zu vertrocketen Tannenbäumen entbrennt; ob nun die Mär um ein unmenschliches Waisenhaus, auf dessen Dach es niemals schneit (Koch) und in dem drei Waisenjungen einen prominenten Mord aufklären; ob die Leidensgeschichte des Gnomenheilands Sternenfaust, der in der grausamen Weihnachtsbäckerei HASS Zimtsterne ausstechen muß (Hoffmann); ob ein Flaschengeist mit Alkoholproblemen (v. Aster)  - der Glühweinfaktor in dieser ersten Hälfte der Lesung war hoch.
Nach der Pause: ein gewisser Hauszombie namens Ewald gab sich weihnachtlich (Koch); Schnee rieselte leise in den absonderlichen Gedanken eines Frauenmörders (Hoffmann), eine orientalische Schönheit verfällt den Ketten eines Meisterdiebs (v. Aster), und Guffin der Kleine sticht bei einem Zauberduell seine Konkurrenten aus - durch liebenswerte Unfähigkeit (ebenfalls v. Aster). Desweiteren gab Koch einen Drachenmythos aus seinem jünst erschienenen Roman "Der Drachenflüsterer" zum Besten, und Günni Steinmeyer präsentierte einen lehrreichen Kurzfilm über die Jagd und Zähmung wilder Weihnachtsmänner.
Fürwahr, nach der Langen Nacht des StirnhirnhinterZimmers ein ruhiger, fast besinnlicher Abend, der das Stirnhirnjahr 2008 in Würde beschloß. Kalte Höhlenuntaten erfolgen erst wieder im Januar.

27. November: Die Lange Nacht des StirnhirnhinterZimmers

Lange war sie angekündigt, nun endlich zeitigte sie sich zum Ende des Jahres: Die Lange Nacht des StirnhirnhinterZimmers. Drei Gastgeber. Acht Autoren. Ein Günni. Ein DJ. Ein Buffet.

Und das alles in sage und schreibe fünf Blöcken, durchgehend von 20 Uhr bis 1 Uhr nachts. Die Stirnhirnbesatzung lieferte ein Best Of aus dreieinhalb Jahren Stirnhirnkultur.

Auch die Gäste ließen sich nicht lumpen: Simon Weinert präsentierte mit seiner Frau Damaris die Saga vom Ritter Kriegbart und variierte das Thema Bodycount vs. Einhornherpes, Kathleen Weise trug eine wintergrimme SF-Dystopie vor; Tobias O. Meißner ließ einen Werweihnachtsbaum auf das Publikum los; Johannes F. Kretschmann enthüllte, warum er sich so kraftlos fühlt, und sorgte mit schwäbischer Lyrik für rote Ohren.

Um Punkt 0:00 Uhr dann (naja, nicht ganz) das Grande Finale mit Günni Steinmeyer und einer Berichterstattung über Die Lange Nacht des StirnhirnhinterZimmers an der Siegessäule, vorgetragen von Koch, Hoffmann, von Aster und Steinmeyer.

Was für ein Abend! Was für eine Nacht! DJ Planlos untermalte sie mit schrägen Weisen, und er sorgte auch dafür, daß es nach dem Grande Finale noch hoch her ging im HinterZimmer. Ihm und allen Gästen, vor allem aber dem treuen Stirnhirnpublikum, gilt unser Dank.
Das neue Stirnhirnjahr kann kommen.

 

13. November: Abzählreimkanone

Endlich! Die erste grosse Lyriksitzung im Stirnhirnhinterzimmer ... auch wenn das Publikum nach zögerlicher Befragung zugab, dieser Gattung eher selten zu frönen. Ein einziger Zuhörer gab öffentlich zu, in den letzten zwölf Jahren einen Lyrikband erworben zu haben. Macht nichts - die drei Stirnhirnpoeten lieferten Abzählreime en gros und frei Haus. Von Aster bediente sich dabei dem klassischen Kanon und gab höchst aktuelle Gedichte von Tucholsky, Mühsam und von Chamisso zum Besten - und ließ den Nachtmahr aus eigener Feder auf einen Träumer los. Koch feuerte eine Breitseite aus seiner Abzählreimkanone, die von  pubertiertenden Aliens auf der Erde vergessen worden war. Und Hoffmann trug die im Knittelreim verfasste Ballade der Goldenen Schale vor, eine wilde Dreiecksgeschichte um einen bösen Schmied, eine schöne Gräfin und einen diebischen Wandersburschen.
Nach der Pause gab es erstmal einen politischen Abzählreim mit den drei Akten Kreuzberg-Gorleben-Wallstreet (Hoffmann), danach allerlei Ungereimtheiten: ein schweinisches Epos um den gefallenen Engel Lilith in Strapsen und Lederfummel (Koch ... wer sonst?), und ein Haufen unwirscher Zwerge auf der Jagd nach einem abartigen Artefakt, bzw. einem flinken Insekt (v. Aster).
Erst dann wurde der Abend abgezählt - und der Countdown für
DIE LANGE NACHT DES STIRNHIRNHINTERZIMMERS am 27. November läuft ...  

10. Oktober: Brüllbauchling

Ein kontroverses Thema, das in seiner Brisanz selbst die Akteure abschzurecken schien. Während Markolf Hoffmann vor dem Thema bis nach Island floh, gelang es Boris Koch, sich durch eine superbe Siechtumsimulation vom Austragungsort fernzuhalten.
Als Christian von Aster realisierte, dass er mit den gefährlichen Kreaturen alleingelassen wurde, blieb nur eine Hoffnung: Berlins einziger lebender Boris-Koch-und-Markolf-Hoffmann-Impersonator Simon Weinert. Bereits mehrfach im Hinterzimmer gewesen, erklärte sich das Zugpferd der neuen dadaistischen Literatur Berlins bereit, den Brüllbauchlingen entgegenzutreten.
Im ersten Teil offerierte Boris Koch zunächst aus den Abgründen der Pestilenz eine Kurze fiebrige Skizze über den Brüllbauchling in der er, bereits vom Fieber gezeichnet, dem Jenseitszoologen Dr. Jimmy Eck auf seinen Expeditionen begleitet. Danach las Simon Weinert als Boris Koch für Markolf Hoffmann Safari, eine hemingwayeske Großwildbrüllbauchlinggeschichte, bevor Christian von Aster sich kopfüber in sein neues Buch Das Abartige Artefakt stürzte, in dem Brüllbauchlinge als zwergische Alarmanlage fungieren.
Nach Abvesperung der Brüllbauchlinge begann Herr Weinert den zweiten Teil mit Ball, Schläger und Arm, einem kryptischen Kleinod zwischen Papptellern und Tennisarmen. Herr von Aster behandelte Das zweite Leben Obersturmbannführer Kerners, eine horrible Reinkarnationsminiatur, auf die Herr Weinert mit einer amourösen Beipackzettelpoesie namens Halbherzig antwortete. Von Aster beehrte noch den zwergischen Auftragsmörder Eisengilb, und Weinert beendet gekonnt mit konkreter Poesie.
Die Brüllbauchlinge sind überstanden.

11. September: Plüschtierembargo

Streng verboten waren knuddlige Plüschtiere jeglicher Art. Deshalb mußte auch Boris Koch zuhause bleiben. Zwar sendete der flauschige Koch ein paar kryptische SMS live in die Z-Bar, ansonsten aber hatten seine Kollegen den Plüschtierabend zu zweit zu gestalten. Der mitbebrachte Flauschhund mit Regenschirm und Schiffermütze verweigerte zwar den Dienst am Publikum, nicht aber die mehr als skurrilen Antworten auf das nach dem Lex Ziegenmeyer verhängten Embargo.
Hoffmann entführte das Publikm in einer weiteren absurden Dystopie ins kleinundzwanzigste Jahrhundert, wo die Kinder herrschen und ihre eigene, gemeine Überwachungsdiktatur à la Logans Run aufbauen - ohne Großen Bruder, aber mit vielen kleinen. Von Aster stellte gleich mehrere Kinderschicksale in den Mittelpunkt, die durch Plüschtiere maßgeblich beeinflußt wurden. Hernach wurde es lyrisch: der alte Herzog Siebenland träumte gar wunderliche Dinge (Hoffmann), und ein Hexenmeister erschaffte sich seinen eigenen Homunculus (v. Aster).
Nach der Pause wurde dank moderner Technik endlich der Regenschirmhund getriggert. Auch sonst blieb es futuristisch. Von Aster berichtete von dem Fund außerirdischer Artefakte und einer Sternenflotte mit überraschender Form; Hoffmann schickte hingegen ein kleines Wasserstoffatom namens KERN auf die Reise durch diverse Universen. Und dann waren da noch Malte und Thorben, die von der Leinwand aus als Waldorf-Türsteher diversen Clubbesuchern antroposophische Abfuhren erteilten (v. Aster).
Fürwahr, ein großer Spaß in Plüsch und Flaum. Und das alles ohne Knopf im Ohr!

14. August: Nahrungsmittelzusatzstoffe

Das kulinarische Motiv zieht sich ja seit jeher durch unsere Lesereihe und wird zumeist von Günni durch die Bereitstellung süßer Spezereien am Eingang unterstützt. Auf Gästewunsch hin wurde es nun einer generellen Prüfung unterzogen. Mit dabei: der Schinkelstedter Lebensmittelprüfer André Ziegenmeyer, der extra mit seinem Prüfkoffer angereist war, um den entzusatzstofflichten Herrn von Aster zu ersetzen.
Die Ingredienzen des Abends: zunächst ein dystopischer Alptraum aus der Feder von Markolf Hoffmann, der von der blutigen Herrschaft des Kochs kündete (unter Mithilfe desselben). Der Text stellte unter anderem infrage, ob die dauerhafte Ernährung mit Hirse der geistigen Gesundheit förderlich und wie effektiv eine Mischwaffe aus Kochlöffel, Elektrotaser und Morgenstern bei der Austandsbekämpfung ist. Hernach las Märchenonkel André Ziegenmeyer die unfaßbare Legende des Kürbiskönigs vor, in der in einem osteuropäischen Land Oasen der Erleichterung erbaut werden und ein cucurbiophiler Monarch seinem Volk das Wildpinkeln untersagt ... bis er durch eine Theateraufführung biblischen Ausmaßes dem Druck nachgibt. Im wahrsten Sinn des Wortes.
Nach der Pinkelpause verlas Boris Koch eine Email des geflohenen Kollegen v. Aster vor, abgesetzt aus einem kaukasischen Internetcafé, in dem er offenbar mit einer batterielosen Fernbedienung herumlümmelte. Hoffmann  schilderte die gänzlich unphantastische Flucht eines Frischverlassenen in die Metropole London. Und André Ziegenmeyer präsentierte handeverlesene Passagen aus seinem Roman "Schatten über Schinkelstedt", liebevoll ausstaffiert mit Utensilien aus dem erwähnten Prüfkoffer: Ein kleines Provinzkaff mit großem Herz für den Fremdenverkehr, eine aus jahrhundertelangem Tiefschlaf erwachende Hexe, ein liebestoller Rocker und ein größenwahnsinniger Kardinal feierten in dieser Märchenposse ihren Einstand.
Am Ende schien das Festmahl der skurrilen Literatur den Zuhörern gemundet zu haben. Über etwaige Zusatzstoffe wollten die drei Autoren allerdings keine Auskunft geben.

10. Juli: Tempelhof Terror

Ein unbestreitbar heißes Thema servierten die Stirnhirnköche im Monat Juli. Burn, Burn, Tempelhof, Burn, lautete der Schlachtruf rund um das gescheiterte Volksbegehren zur Erhaltung des Flughafens Tempelhof. Das Publikum, bitter gespalten in Befürworter und Ablehner, wurde Zeuge der Auf- und Abarbeitung des Luftbrückentraumas, das nun unter Mithilfe des Stirnhirn-Terrorbläsers Johannes F. Kretschmann bewältigt wurde.
Nachdem Günni Steinmeyer ein paar aufschlußreiche musikalische Internetfundstücke auf Leinwand präsentiert hatte, konnte es also losgehen, zunächst mit der szenischen Lesung Tempelhof Terror von M. Hoffmann, die von allen Anwesenden gemeinsam bestritten wurde - eine irrwitzige Luftbrücken-Talkshow rund um die fiktive Künstlergruppe Flame Art. Anschließend projizierte Kretschmann erotische Zukunftsängste auf das brachliegende Flughafengelände, welches vom wiedererstandenen Templerorden übernommen wird.
Und v. Aster zeigte die großen Chancen der Flughafenschließung auf - ein idealer Spielplatz für weggesperrte Neonazis, die hier ihr ureigenes Großgöring aufziehen können, ohne ihre Mitmenschen zu belästigen.
Nach einem kurzen, zehnminütigen Zwischenhalt an der Theke der Z-Bar ging es dann weiter: Boris Koch nutzte den Tempelhof-Hype zu einer absurden Terroreske, in der sich nationale Symbole selbständig machen und die Rosinenbomber ihre süße Last zielsicher auf Berlin niederregnen lassen. Hoffmann las eine ökologisch angehauchte Fantasygeschichte um einen Dämonenjäger, Kretschmann ein Liebesgedicht in schwäbischer Zunge.
Und v. Aster beschloß den Abend mit einer Passage aus seinem Roman Zwerg und Überzwerg (worin ein Tor durchquert wird) sowie einigen Zeilen des großen Cyrano de Bergerac (worin ein Tor über die Kunst sinniert). Damit wurde dem literarischen Terror Genüge getan, und die Gäste konnten zufrieden den letzten Flieger nach Hause nehmen ... ab Schönefeld, versteht sich. 

12. Juni: Irgendwo

König Fußball regierte wieder einmal die Straßen Berlins. So war auch unklar, wo genau diese Lesung stattfinden würde (und wann, da Markolf Hoffmann mit arger Verspätung in der Z-Bar eintraf). Aber letzen Endes wurde es doch eine feine Lesung in gewohnter Kulisse, mit tatkräftiger Unterstützung des Einwechselspielers Simon Weinert, der kurzfristig für Christian v. Aster einsprang.
Er präsentierte denn auch einen durchaus gewagten Denkanstoß zum Thema Nationalismus in Zeiten der Europameisterschaft, wo einige doch recht unbedarft ihr schwarz-rot-goldenes (oder rot-schwarz-goldenes) Fähnchen schwenken. Hoffmann gab sich märchenhaft mit der Moritat aus dem Lande Irgendwo, dessen Bewohnern so ziemlich allem gleichgültig gegenüberstehen - auch einem Helden namens Irgendwer. Und Koch sandte erneut die Stirnhirnpiraten auf die Weltmeere, auf Suche nach dem verschollenen Christian v. Aster. Und dann war da noch Günnis köstlicher Text über ein Multikulti-Raumschiff, dem das Stille Örtchen versagt.
Nach der Pause: eine Reminiszenz an Hans Christian Anderssen, nämlich die Geschichte vom Mädchen mit den Streichölzern, erzählt von einem der letztgenannten (v. Aster, verlesen von Koch). Weinert zeigte wieder sein Talent für gagaistische Lyrik, ganz unter dem Stern der Liebeswirren (darunter: Annettes Tränengießen, ein Sommernachtstraum und eine kurze Romeo-und-Julia-Adaption). Und Hoffmann las aus seinem Roman Splitternest die verschiedenen Fassungen einer Legende, nämlich jener vom Eisriesen Suul.
Die Gäste, die sich irgendwo im HinterZimmer niedergelassen hatten, wirkten auf jeden Fall versöhnt, obwohl das Versprechen einer fußballfreien Lesung nur teilweise eingelöst werden konnte.

8. Mai: Rechtsdrehend

Es sollte also politisch werden an diesem symbolträchtigen 8. Mai. Statt vor dem schwierigen Thema zu kapitulieren, stellten sich die drei Stirnhirnautoren ihm mit eleganter Pirouette. Ein Rauscheengel drehte halbbeflügelt seine Loopings durch die Lyrik (Hoffmann); die rechtslastige Wagner-Walküre erfuhr eine bäuerliche Umsetzung (v. Aster), und ein seltsames Haus wechselte rechtsdrehend seinen Ort und diente als Prolog zu - Nichts! (Koch)
Anschliessend wurde kräftig geschummelt: statt rechts- wurde nun linksherum gedreht. Etwa in der Geschichte Roter Morgen, wo eine Gruppe junger Rotgardisten während der chinesischen Kulturrevolution auf einen uralten Magier trifft (Hoffmann), in den Chatroomprotokollen eines blutigen Fights unter den sogenannten Anderen (Koch), in der nicht ganz ernsten Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Jugendgewalt (v. Aster) und in der wohl ersten Gothic-Pfadfindergruppe des Landes, die sich mit einem Flyer ganz locker dem Nachwuchs vorstellt (v. Aster). So hingedreht war der Abend dann doch äußerst gelungen - rechts, links und wieder zurück zum allgefälligen Stirnhirnchaos ...

10. April: Holz ist ...

Selber schuld, wenn man seine Gäste das Thema der nächsten Lesung bestimmen lässt. Georg Kammerer auf jeden Fall bescherte dem StirnhirnhinterZimmer die kryptischen Worte Holz ist ..., das wir getrost in die Kategorie "Problematisch" zurechnen müssen. Christian von Aster flüchtete wohlweislich in die Toskana und überließ somit einem weiteren Gast das Feld: Michael Thumstädter. Der lieferte pflichtbewußt eine impressionistische Definition des Wortes Holz und bereitete semantisch die weiteren Texte des Abends vor. Boris Koch zerhackte seinen Beitrag wie einen Holzscheit in zwei Teile. Dem Dialog zwischen einem Stirnhirnhinterzimmerautor und einem Stirnhirngast, die sich eingedenk der Problematik von "Holz ist ..." an das ambivalenziöse Horrormärchen vom Holzmichel machen, folgte der Vortrag eben dieses Märchens. Dazwischen: Hoffmann mit einer Groteske vom italienischen Schreiner, der seine sprechende Holzpuppe auf dem Wertstoffhof Berlin-Tempelhof entsorgen will. Streng nach Vorschrift, natürlich.
Nach mannigfaltiger Carlo-Collodi-Reminiszenz erholte sich das Publikum in der Pause. Anschliessend wurde es düster: in einem tschechischen Sägewerk geschehen schreckliche Dinge (Hoffmann), und die Gesellschaft zeigt ihr wahres Antlitz, als sich ein außerirdisches Objekt der Erde nähert (Thumstädter). Anti-SF vom Feinsten! Somit kam das Publikum in den Genuss feingeschnitzter Textminiaturen, die den problematischen Literaturwerkstoff Holz gut zur Geltung brachen.
Daß allerdings im Monat Mai mit Rechtsgedreht schon wieder ein problematisches Thema auf dem Programm steht, war so nicht beabsichtigt. Selber schuld, wenn man seine Gäste das Thema der kommenden Lesung bestimmen lässt ...

13. März: Drei Enten - Das Jubiläum

Alles war so schön geplant: der Entenmarsch durch die Bergstrasse, die grosse Tick-Trick-und-Track-Hymne, Christian von Aster mit Federboa, Markolf Hoffmann am Flügel und Boris Koch mit umgehängter Schnabeltasse ... doch leider wurde Koch ausgerechnet vom Jubiläum von höheren Enten abberufen. Als Gast sprang der stirnhirnerprobte Georg Kammerer mit ein und füllte die Lücke nicht nur würdig, sondern auch musikalisch.
Zunächst aber lasen v. Aster, Kammerer und Hoffmann den sinnfreien Jubiläumstext Drei Enten, konsequent im Entenhausener Stil. Hemmungsloser Quatsch. Hoffmann ließ dann in seiner Brust ein Entenherz schlagen, Kammerer schickte einen sprachverwirrten Meisterkoch auf Entenjagd, und von Aster betrieb Wagnerexegese - mit Enten! Und dann war da noch der Brief des fehlenden Jubilanten Koch, der sich in der Fremde den Kopf von einer Geheimorganisation ausbrüten ließ ... kongenial vorgetragen von Georg Kammerer.
Jubilesk wurde es auch im zweiten Teil der Entenlesung. Kammerer gab einen seiner neuen Songs mit Gitarre zum Besten; eine Wagneraufführung im Knast mündet in einen massiven Gefängnisausbruch (v. Aster); ein Tierkrimi mit Schafen setzte nochmals animalische Akzente (Hoffmann); und der Hüter des Frühlings ging auf seine furchtbare Suche (Kammerer). Somit ein rundum ent-zückender Abend, dessen Motto längst zum geflügelten Wort im StirnhirnhinterZimmer avanciert ist.

14. Februar: Sonderangebot

Schnäppchenstimmung im StirnhirnhinterZimmer: zum ermäßigten Eintrittspreis und in aufgepeitschter Winterschlußverkaufstimmung stürmten die Besucher die hinteren Räume der Z-Bar, um die literarische Auslegewage zu begutachten. Im Angebot: die skurrile Zeitreise eines Kaffeekränzchens (v. Aster), demokratische Wahlen als Schleuderware und Politicum (Hoffmann), die Einführung des Kapitalbuddhimus, der endlich Transparenz nach dem Ableben schafft (Koch), sowie Gott beim Klingelputzen und Wachturm verticken (v. Aster). Und das alles so schrecklich billig!(1)
In der zweiten Phase des Schlußverkaufs: ein Haufen wehrhafter Trolle zeigt menschlichen Bergleuten, wo der Hammer hängt (v. Aster); der Herzog zu Braunschweig und Lüneburg will vor Wolfenbüttels Toren einen Garten der Sinne errichten (Hoffmann), eine tote Katze mag sich nicht von ihrer Besitzerin trennen (Koch), und im Leichenhaus kommt es zu einer wüsten Keilerei zwischen den Toten (v. Aster).
Tolldreiste Geschichten zu fairen Preisen, Wahnsinnsangebote, die sich keiner entgehen lassen darf!
(1)
 

(1) Alle vorgetragenen Texte der Veranstaltung vom 14.2.2008 sind vom Umtausch ausgeschlossen.
 

10. Januar: Bodycount

Das Stirnhirnjahr 2008 begann mit einem knallharten Thema, ganz im Sinn der Law-and-Order-Debatten des hessischen Wahlkampfs. Und so wurden denn auch nach hessischer Zählart Leichen verbucht und der Punktestand der drei Stirnhirnautoren in die Höhe getrieben.
Gewertet wurden unter anderem die Opfer eines Familiendramas in der Moritat vom schaurigen und traurigen Ende der Familie Bengt (Hoffmann), zahlreiche Wimpelträger eines schlagwütigen Ritters, die sich im Geiste St. Hooligans für die Ehre ihres Idols prügeln (v. Aster), mehrere Palastwachen, die den Liebeskranken Herrn Bodycount am Klau einer Rose hindern wollen (Koch), und die Belegschaft der Kaffeeröstfirma Duschedo-Häusermann, als der jähzornige Opa Weißhaupt ihr einen Besuch abstattet (Hoffmann). Der Blutzoll war zur Pause hin beträchtlich.
Aber auch danach wurden noch mehrere Leichen gezählt bzw. Bodies gecountet. Koch entwickelte die Vision vom zukünftigen Beruf des Kriegsleichenzählers. Hoffmann berichtete vom Niedergang der planetaren Kolonie vom Karmesin, die nach elf Jahren - und etlichen Opfern - endlich wieder von der Erde versorgt wird. Von Aster, der sich zunächst mit der Mär von einer literarischen Karawane handzahm gegeben hatte, bombte sich dann kurz vor Schluß mit unlauteren Mitteln  auf den ersten Platz - mit einer blutigen Al'Quaidijade. Nach hessischer Zählart nur bedingt zulässig, aber was soll's. Der Endstand: v. Aster - 4938, Koch - 61, Hoffmann - 52.
                                                

Archiv 2007

Archiv 2006

Archiv 2005