ARCHIV 2005
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"Es dauert nicht länger als
eine Minute, es freizulegen. Ein kleiner Schnitt, ein kurzes Ansetzen der Säge
- da, sehen Sie? Sehen Sie es? Ist es nicht wunderschön?"
Aus dem Hörspiel "Der Stirnhirnforscher" des Journalisten Philip Gonzales

Foto: Nadja Ritter
8.
Dezember: WahnWitzige Weihnacht
Das
letzte und festlichste StirnhirnhinterZimmer des Jahres stand ganz im Zeichen
der Besinnlichkeit. Boris Koch, Christian von Aster und Markolf Hoffmann lasen
in trauter Dreisamkeit und bei Kerzenschein Geschichten, die ans Herz gingen.
Etwa jene, in der ein kleiner Junge namens Thomas im Advent seinen Vater
an den Tisch fesselt (Hoffmann). Oder jene vom kleinen Tommy, der im
viktorianischen London einem als Henker arbeitenden Weihnachtsmann zur
Hand geht (v. Aster). Oder jene von einer Expedition zum Nordpol, in der ein wahnWitziger Kapitän nach Moby Bär sucht (Koch).
Auch lyrisch wurde
das Weihnachtsthema umgesetzt: Schlecht Ruprecht stand vor der Tür!
(Hoffmann)
Nach der Pause: Zunächst gab sich wieder einmal Günni Steinmeyer die Ehre
und enthüllte, wie er sich Weihnachten in der Zukunft vorstellt - fröhliches
Feiern mit Omis
vollverdrahtetem Gehirn! Einer kurzen Klavierimprovisation von M.
Hoffmann folgte dann die Bescherung. Während sich die
StirnhirnhinterZimmerer gegenseitig beschenkten, mampfte das Publikum Stollen
und Mandarinen und wartete mehr oder minder geduldig darauf, daß es weiterging.
Auch die zweite Hälfte bot freilich Erquickliches: Koch widmete sich dem Thema
Vampire unterm Weihnachtsbaum und ließ Dyonisos im Wald tanzen,
Hoffmann präsentierte mit Eis eine äußerst frostige Beziehungsgeschichte,
und v. Aster gab Tierreime und das Gedicht einer
Weihnachtsmannkeilerei zum besten. Somit war der Besinnlichkeit Genüge
getan, und das Publikum konnte moralisch gerüstet dem heimischen Weihnachtsfest
entgegensehen.
12.
November: Kein Frühstück!
![]() Unsere Unsere Gäste |
Was für ein Abend! Zwar gab es dieses Mal kein Frühstück, keinen schrammeligen Z-Bar-Flügel, keinen Christian von Aster und keine freien Sitzplätze, doch auch so herrschte ausgelassene Stimmung im StirnhirnhinterZimmer. |
Ausgeschlafen präsentierten sich die Frühstückspoeten Boris Koch und
Markolf Hoffmann dem hungrigen Publikum, unterstützt durch die bereits
erprobten Gäste Simon Weinert und Johannes F. Kretschmann sowie
dem Stirnhirngastgeber Günni Steinmeyer. Das literarische
Frühstücksbüffet bot in der ersten Hälfte einen garstigen Troll
(Koch), das Frühstücksmartyrium eines sexgeilen Junglehrers
(Kretschmann), anklopfende Frühstückgäste (Hoffmann) eine surreale
Frühstücksposse, in der unter anderem der Berliner Fernsehturm eine wichtige
Rolle spielt (Weinert), die kleine Frühstücks-Selbstverstümmelung
(Hoffmann) und eine recht eigenartige Wildwest-Geschichte mit
Katerfrühstück (Steinmeyer).
Auch nach der Pause ging es heiß her: Hoffmann spielte auf dem E-Piano den
dunklen Song Hierarchie 1; Koch schilderte den Leidensweg von Jesus
aus dem Allgäu; Kretschmann erklärte die Titanic zum Lichtschiff;
Hoffmann widmete sich in einem Gedicht dem auf Kreuzfahrt weilenden
Christian von Aster; und Weinert gab mehrere Gaga-Texte zum Besten,
darunter der politische Text Charlotte.
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Nebenbei überzeugte das StirnhirnhinterZimmer - das Motto frech mißachtend - durch ein reichhaltiges Frühstücksangebot (unter anderem geplatzte Weißwürste), an dem auch das Publikum fröhlich partizipierte. Ein sättigender Abend, der auch uns noch lange im Gedächtnis bleiben wird. |
![]() Unser Frühstück |
13.
Oktober: Berlin in Angst und Schrecken
Die
zutiefst eingeschüchterten Gäste fanden sich im HinterZimmer ein, um voller
Panik festzustellen, daß die väterliche Leitfigur Christian von Aster
voller Angst und Schrecken das Weite gesucht hatte (er hatte sich in die sichere
Schweiz abgeseilt). So blieb es also Koch und Hoffmann
vorbehalten, die Wellen des Entsetzens aufzupeitschen.
Koch eröffnete den Abend mit einer Godzilla-Hommage: der Jagd eines
ABC-Schützens auf ein mutiertes Wildschwein im Grunewald. Hoffmann wiederum
ließ prominente Berliner auf ihren Gräbern tanzen und versetzte so
Berlin in Angst und Schrecken. Und dann schlich sich der Gastgeber Günni
Steinmeyer
aus dem StirnhirnvorderZimmer ins
StirnhirnhinterZimmer und gab eine wilde Anekdote aus dem Görlitzer Park
zum Besten, in der unter anderem aufblasbare Kampfhunde eine wesentliche Rolle
spielten.
Nach der Pause ging es dann ohne Berlin, aber mit viel Angst und Schrecken
weiter. Hoffmann erzählte die Geschichte vom Alten Spielplatz und ließ
Gevatter Schleim auf die Gäste los. Dann trug Boris Koch die
Priapismus-Groteske Manneskraft vor, eine mephistophelische Sexposse. Um
das schockierte Publikum wieder etwas herunterzubringen, übernahm dann Hoffmann
den Lyrik-Part des Abends und trug die drei Gedichte Ozelot 2, Rat unter
Männern und Oberon vor. Nach einem apokalyptischen Traum aus
Kochs Feder schwang sich Hoffmann zu einer kurzen Klavierimprovisation an
den notorisch ungestimmten Flügel der Z-Bar, und mit einer urbanen
Sage um Schlankmacherpillen (Koch) und dem sommerlichen Text Grillen
mit Pallmann (Hoffmann) wurde das vollkommen verängstigte Publikum in die
Straßen von Berlin entlassen, die an diesem Tag etwas unheimlicher wirkten als
sonst.
8.
September: Einschulungstätowierung
Während
Kollege Hoffmann sich in der südlichen Sonne
goldbraun braten ließ, widmeten sich die verbliebenen StirnhirnhinterZimmerer
von Aster und Koch, sowie der geladene Gaststar Simon Weinert der
Einschulungstätowierung. Von Aster eröffnete den Abend mit dem Tag, an dem es
den unbedarften Horst mit einem tätowierten Strafzettel nicht unweit von
Stechstedt erwischte, Koch erzählte das Märchen von Rippchen, dessen
Vater ihm die Einschulungstätowierung nicht bezahlen konnte, und Simon Weinert,
der ungekrönte Meister der gagaistischen Oper, gab mit Rahel eine eher
gepierctes als tätowiertes Gagaabenteuer zum besten. Die Zeit nach der
Pause
und Weinerts Gesangseinlage stand ganz im Zeichen der kurzen Texte, sei es das
capitulum iii aus dem Leben und Sterben des Humanisten Eusebius Knax, die
Zubereitung von Rührgott oder das Niegelungenlied (alles Weinert),
oder von einer Reisegruppe mit Heiligenschein und das Märchen von
Aladins Lampe (von Aster), ein apokalyptischer Traum und zwei
moderne Sagen (Koch), sowie als längerer Text von Asters Neue Wege - die
Zukunft der Religionstechnik nach dem Weihnachtsdebakel, der beim Vortrag
von Koch unterstützt wurde.
Abschließender Höhepunkt: Weinerts Ballade des Ritters Kriegbart, erster
Gesang, im Stehen und Springen vorgetragen. Forderungen nach Zugaben wurden
laut, und es wurde ihnen nachgegeben.
11.
August 2005: Umsambara-Taschennashorn
Nach der
Botanik nun die Zoologie: Das unvollständigste Literaturtrio aller Zeiten
widmete sich der obskuren Gattung der Taschennashörner. Genosse Koch war
aufgrund seiner Allergie gegen Nashornausscheidungen aller Art entschuldigt, so
daß allein Christian v. Aster und Markolf Hoffmann die putzigen Tierchen
literarisch würdigten, ersterer mit einer Geschichte um Butterfahrtnazis und gutgläubige
Großmütter, letzterer mit dem Protokoll einer Nashorninvasion, die
auch vor Kreuzberger Dönerbuden keinen Halt macht. Weiterhin stand der Abend
ganz unter dem Zeichen des Märchens, von denen Christian von Aster gleich zwei
im Gepäck hatte: eifersüchtige Fichten und eine Diebesschule
verzauberten die Zuhörer. Markolf Hoffmann wiederum schwang den dunklen Pinsel
der Schwermut mit der Verlesung eines Galgendramas und einer Fahrt
aufs Land, von der nicht alle Stadtmenschen zurückkehren. Mit der Ballade um
ein ungleiches Turnier (v. Aster) und der Forträumung eines Stein des
Anstoßes (ebenfalls v. Aster) klang der Abend schließlich aus ... auch wenn
der Butterfahrtnazi v. Aster anschließend noch der einen oder anderen
gutgläubigen Seele eine Taschennashorn-Patenschaft aufschwatzte. Das
gehörnte Publikum schien dennoch selig.
14.
Juli 2005: Gartenarbeit
Das Publikum hat es so gewollt: Boris Koch, Christian von Aster und Markolf Hoffmann widmeten sich im Stirnhirnhintergarten dem Vegetativen. Wild wucherten die Stilblüten der Phantasie: Die Zaungäste hörten von wundersamen Laser-Gartenscheren (v. Aster), Adams Rauswurf aus dem Garten Eden (Koch) und Laurins sagenhaftem Rosengarten (Hoffmann); auch lyrische Kleingärtnertips der morbiden Art wurden erteilt (v. Aster). Nach der Pause, eingeleitet von dem Lied Realms of Lead (Hoffmann) las Boris Koch einen apokalyptischen Traum vor und ermöglichte Einblicke in den Monsterzoo; Markolf Hoffmann berichtete vom ewigen Kampf zwischen Stadt und Wildnis in der Geschichte Herbsonate - Schußwechsel im Alten Park, und Christian v. Aster gab die phallozentrische Fantasy-Posse Der Tribun sowie die Ballade des Herrn Alptraum zum Besten. Nach soviel Gartenromantik kehrten die Stirnhirngäste geläutert in die Zivilisation zurück - ein höchst gelungener Abend.
9.
Juni 2005: Füße
Das
StirnhirnhinterZimmer in Marschlaune: Während Christian von Aster
in der italienischen Sonne seine Quanten bräunte, zogen Boris Koch und Markolf
Hoffmann auf Schusters Rappen in die Z-Bar ein, um allerlei Fußgeschichten zum
Besten zu geben. Unterstützt wurden sie dabei von dem ersten Stirnhirngast
Johannes Kretschmann, freiberuflicher Fußmasseur und literarischer Pedierist.
Er berichtete von einer Hochzeit in Kopenhagen mit obskuren
Anreisebedingungen, während Boris Koch seine Vorliebe fürs Barfußlaufen
enthüllte, von tödlichen Stiefeln erzählte und einen Mann am Boden
festnagelte. Markolf Hoffmann wiederum war für den sportiven Teil des Abends
zuständig und gab die Geschichte vom Läufer zum Besten.
Und Kollege von Aster war trotz Abwesenheit mit der Reliquienposse Vier Füße
für ein Halleluja präsent.
Nach der Pause: Das Lied Spürst du Furcht (Hoffmann), eine Metamorphose
im Zeichen des Stummen Jochs (Kretschmann), die bittere Geschichte
eines adressierten Jungen, der nur auf dem Postweg seinem brutalen Vater
entkommen kann (Koch) und eine höchst aktuelle Vampirgroteske, in der
grüne Parteirebellen gegen den Bundeskanzler aufbegehren (Hoffmann). Ein
gelungener Abend auch für das zahlreich erschienene Publikum, das auf den
Kinosesseln der Z-Bar miteinander füßelte.
14.
Mai 2005: Gitarrenterror
"Ohren aufgesperrt! Die Stirnhirncombo
spielt zum Tanz auf! An der Gitarre: Boris Cook, bekannt für seine bretterharten
Riffs. Am Schlagzeug: Mark Hopeman, dessen Beat selbst die Toten aus ihrem
Schlaf reißt. Am Mikrofon: Chris Astre - eine Stimme aus Gold, doch eine Seele
so schwarz wie das Plektron, das die düstersten Saiten des Menschen zum
Schwingen bringt ..."
Ungewohnte Klänge dröhnten aus den Boxen der Z-Bar, als die Stirnhirncombo den
Abend eröffneten. Musikalischer Terror in der Zukunft (Hoffmann), die
Sieben Gitarren der Verderbnis (v. Aster) und die Machenschaften des Count Sucess (Koch) waren die Themen der ersten Hälfte, zudem der Auftritt
der Beatles in Memphis, Tennessee (Hoffmann). Nach der Pause folgten der
musikalische Opener Ich kam von rechts (Hoffmann), ein ganz normaler
Tag im Leben des B. Koch (Koch) sowie die Abenteuer der blutrünstigen Band
Los Feratus (v. Aster). Schließlich begab sich M. Hoffmann noch auf die
Suche nach dem Radiomoderator Jan Hahn, und v. Aster gab tierische Gedichte
zum Besten.
Die lauten Rufe des Publikums nach Zugabe wurden ignoriert.
14.
April 2005: Zirkus
"Messieurs,
-dames, Ladies and Gentlemen - heute Abend ist es so weit, im
Stirnhirnhinterzimmer beliebt der Zirkus der Phantastik zu gastieren!
Staunen Sie über Markolf Hoffmann, den stärksten Mann der Welt, Boris Koch,
den Schlangenmenschen von Bubalugu und den teutonischen Tanzbär Christian von
Aster."
Bunt und clownesk ging es an diesem Abend zu. Die erste Hälfte der Vorstellung
wurde fast ausschließlich mit Zirkusgeschichten bestritten: eine düstere
Zirkuscollage (Hoffmann), die gar nicht lustige Geschichte eines
Clowns und seiner verschollenen Berufsgenossen (v. Aster) und das
Märchen um jenes übergroße Zirkuszelt namens Welt (Koch) berührten eher die
dunklen Seiten der Phantastik. Mit der Geschichte eines Urnenraubs
(Koch) und dem Lied "Kann es nicht" (Hoffmann) entließen die drei
Literaturakrobaten das Publikum in die Pause - um es anschließend mit den
Eskapaden des Herzogs zu Braunschweig und Lüneburg (Hoffmann), einem
Protestschrei wider die Deutsche Bahn (v. Aster) und den Fangmethoden
eines Ideenfischers (Koch) zu unterhalten. Zudem ließ v. Aster einen
Engel auf die Autobahn abstürzen. Die Leute auf den Rängen tobten,
der Zirkus kann weiterziehen.
10. März 2005: StirnhirnhinterZimmer -
Die Eröffnung
Das HinterZimmer öffnete seine Pforten um Punkt 20:30 Uhr. Nach dem sich die noch zaudernden Gäste mit Getränken eingedeckt und den Gang in den geheimnisvollen Raum gewagt hatten, ging es auch schon los. Die Rollen waren klar verteilt: Guter Bulle (Koch), böser Bulle (v. Aster) und Markolf Hoffmann (Hoffmann) stellten sich und ihr HinterZimmer vor. Kollege von Aster ergötzte die Gäste mit Terrorpropaganda, vampirischen Greisen und dem Aufstieg einer Bestattungsdynastie. Hoffmann gab einen Gefangenenausbruch aus dem Seelenkerker von Tranquilia zum Besten, sang das Lied vom Flammenbeil und zeichnete eine liebevolle Hommage des BVG-Maskottchens Guiseppe. Koch verdammte sozialkritisch das Monoleben seiner Mitmenschen, montierte Drehtüren ins Totenreich und schickte Posträuber vom Mars in den wilden Westen. Gelungener Auftakt des StirnhirnhinterZimmers.